MATERIALIEN

Medienecho

Bajour, 17.02.2021

«Hier hat dieser Mensch gelebt, bevor er deportiert und umgebracht wurde»

Das Projekt Stolpersteine erinnert europaweit an die Opfer des Nationalsozialismus. Auch aus der Schweiz sind Schicksale bekannt. Die ersten Stolpersteinen wurden in Zürich verlegt, bald folgen welche in Basel. Historiker Georg Kreis über die Hintergründe und über Erinnerungskultur.

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Diverse, 27.11.2020

Erste Zürcher Stolpersteinsetzungen

Das Interesse verschiedener Medien an den ersten Zürcher Stolpersteinsetzungen war überwältigend. Vorstandsmitglieder, Regierungsrätin Fehr, Stadtrat Richard Wolff und Angehörige äusserten sich in Interviews; Radio und TV-Sender, Zeitungen und Newsportale berichteten facettenreich über den Anlass und die Hintergründe des Projekts.

 

Hier die Links zu einigen Beiträgen

 

Echo der Zeit, SRF
 
Schweiz aktuell, SRF
Blick
Telezüri

NZZ, Adi Kälin, 27.11.2020

Schweizer Opfer des Nazi-Terrors: An ihren Stolpersteinen soll niemand achtlos vorbeigehen

„Für den Zürcher Stadtrat sprach Richard Wolff (al.), der in seiner Rede an die Verschleppung und Ermordung seiner eigenen Vorfahren in Deutschland erinnerte. Es sei nun bereits das dritte Mal, das er einem solchen Stolperstein-Gedenkanlass beiwohne, sagte Wolff. Die beiden ersten galten seinem Grossvater, Dr. Richard Wolff aus dem niedersächsischen Städtchen Stadtoldendorf und dessen Cousin, jeweils mit Angehörigen. Wolffs Grossvater war, wie er ausführte, ein Fabrikant alter Schule, der sich sozial engagierte und seine Mitarbeiter gut behandelte. 1937 wurde er enteignet und verhaftet. Drei Jahre später starb er im KZ Sachsenhausen.“

 

„Dass auch Hunderte von Schweizerinnen und Schweizern in Konzentrationslager gebracht und dort ermordet wurden, ist erst seit kurzer Zeit dokumentiert. 2019 haben Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid in einem aufwendig recherchierten Buch über «die Schweizer KZ-Häftlinge» (Verlag NZZ Libro) zum ersten Mal eine Liste dieser Opfer veröffentlicht. Fast 400 KZ-Häftlinge mit Schweizer Bürgerrecht sind auf dieser Liste verzeichnet und weitere gut 300, die in der Schweiz geboren wurden, ohne allerdings das Bürgerrecht zu besitzen.

Diese Liste sollte gleichzeitig Memorial und Mahnmal sein. Sie erinnert an die inhaftierten und ermordeten Menschen, aber auch an die unrühmliche Rolle der Schweizer Behörden. «Die Schweiz hätte viel mehr tun können für die Opfer», lautet ein Fazit des Buches. Diese Publikation stand auch am Anfang der Idee, dieser vergessenen Opfer mit Stolpersteinen zu gedenken und ihre Geschichte damit heutigen und künftigen Generationen in Erinnerung zu rufen.“

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Kath.ch, Ueli Abt, 30.11.2020

Stolpersteine erinnern an KZ-Opfer aus der Schweiz

„Das Buch «Die Schweizer KZ-Häftlinge» hat den Stein ins Rollen gebracht. Die Recherchen der Autoren und Journalisten Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid zeigen, dass die Schweiz damals keine Insel war: Auch Menschen, die schweizerdeutsch sprachen, die hier im Land lebten, sind in Konzentrationslagern des Nazi-Regimes umgekommen. Es waren nicht einzelne, sondern Hunderte, wie das 2019 erschienene Buch klarmacht.“

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Tages Anzeiger der Stadt Zürich, Helene Arnet, 27.11.2020

Stolpersteine gegen das Vergessen

„Zuvor fand im Rathaus ein Eröffnungsakt statt. Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) sagte, dass man gelegentlich aus dem Trott fallen müsse, um wachsam zu sein. Es sprach auch Stadtrat Richard Wolff (AL), der einen besonderen Zugang zum Thema hat: In einer Stadt in Niedersachsen wurden 2009 fünf solche Steine für Mitglieder seiner Familie gesetzt, die in Konzentrationslagern umkamen – auch weil man ihnen die Einreise in die Schweiz verwehrte.


Es waren berührende Worte, die zeigen: In der Schweiz wurden zwar keine Menschen von der Gestapo oder der SS direkt verschleppt. Aber Politik und Behörden waren passiv bis abwehrend, wenn es darum ging, Verfolgten beizustehen.“

„Ein Vorteil der Stolpersteine besteht laut Strehle darin, dass sie ohne grossen Aufwand zu realisieren sind. Zudem heischen sie nicht nach Aufmerksamkeit. „Man begegnet ihnen im Alltag, ist irritiert, hält kurz inne.“ Man wird als Nachgeborener angestossen, sich mit dem Schicksal der NS-Opfer auseinanderzusetzen, die hier lebten und nicht auf den Schutz dieses Staates zählen konnten. Zumal die Autoren des Buchs über die Schweizer KZHäftlinge zum Schluss kommen: «Die Schweiz hätte Dutzende Leben retten können, wenn sie sich mutiger und mit mehr Nachdruck eingesetzt hätte.»“

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srf.ch, Christoph Brunner, 28.11.2020

Auch Schweizer «Stolpersteine» sollen an Opfer der Nazis erinnern

„Das Loch im Trottoir vor dem Haus Nummer 39 an der Clausiusstrasse im Stadtzürcher Uniquartier ist schon bereit – in wenigen Minuten wird hier der erste Zürcher Stolperstein einbetoniert. Roman Rosenstein, der 71-jährige Initiant des Schweizer Stolperstein-Projekts, hält den Stein in der Hand und liest die Inschrift auf der goldenen Messingtafel: «Hier wohnte Lea Berr, geborene Bernheim, Jahrgang 1915.»


Die Tochter einer jüdischen Zürcher Familie wohnte hier, bevor sie einen Franzosen heiratete. Durch diese Heirat verlor sie ihre Schweizer Staatsbürgerschaft, so wie damals alle Schweizerinnen, wenn sie einen Ausländer heirateten.


Als Berr 1944 in Frankreich von der Gestapo verhaftet wurde, setzte sich die Schweiz trotz Bitten der Eltern nicht für sie ein – weil sie offiziell keine Schweizerin mehr war. Das Todesurteil für Berr und ihren zweijährigen Sohn Alain. «Ermordet 1. Februar 1945 in Auschwitz», liest Rosenstein zu Ende.“

„Berrs Geschichte sei typisch für viele der über 700 Schweizer Nazi-Opfer, sagt Rosenstein ein paar Tage vor der Stolperstein-Setzung in seinem Büro: «Ein grosser Teil der Opfer wurde von der Schweiz nicht mehr geschützt, da sie aufgrund der Heirat mit einem Ausländer die Staatsbürgerschaft verloren haben», so Rosenstein. «Aus heutiger Sicht ist das absolut unverständlich.»“

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Beobachter, Yves Demuth, 27.11.2020

Mahnmale für Schweizer Nazi-Opfer gesetzt

„200 Schweizerinnen und Schweizer sind in den Nazi-Konzentrationslagern gestorben. Christen, Jüdinnen, Ungläubige. Die Schweiz ignorierte ihre eigenen Opfer jahrzehntelang. Wer als neutraler Schweizer in einem KZ gelandet sei, müsse etwas verbrochen haben, glaubten viele.


Das will der Verein Stolpersteine Schweiz ändern. An zahlreichen Orten in der Schweiz sollen die Opfernamen aufscheinen, eingraviert in goldene Messingtafeln. So wie in 26 anderen Ländern Europas. Die Stadt Zürich macht den Anfang mit sieben kleinen Gedenksteinen, die ins Trottoir eingelassen sind.“

„Die Behörden behandelten Schweizer Nazi-Opfer oft mit wenig Wohlwollen. Lea Berr-Bernheim war für sie eine Fremde. Bern lehnte ihre Einreise ab, obwohl sie Schweizerdeutsch sprach, in Zürich zur Schule gegangen war, sich am Paradeplatz in der Parfümerie Oswald von der Verkäuferin bis zur stellvertretenden Geschäftsführerin hochgearbeitet hatte. Obwohl Lea Bernheim und ihr Sohn Alain bei den Zürcher Eltern hätten wohnen können.


Am 28. Februar 1944 holte die Gestapo die Familie Berr-Bernheim an ihrem Wohnort in Frankreich ab. Lea Berr war erst 29 Jahre alt. Der kleine Alain «konnte noch nicht alleine auf den Lastwagen steigen, als sie ihn deportierten», erzählte Leas Bruder mit tränenerstickter Stimme 2008 einer Schweizer Historikerin. Er hatte seine Schwester 1939 zuletzt gesehen.“
 

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Jaschar Dugalic, tachles, 20.11.2020

Stolpern, denken, erinnern

„Im Setzen von Stolpersteinen sieht Rosenstein einen klaren Vorteil: «Anstelle einer Gedenktafel oder eines Mahnmals etwa in Bundesbern, mit einmaliger Einweihungszeremonie, bietet ein mehrjähriger Prozess mit Setzen von Stolpersteinen eine gewisse Regelmässigkeit des Erinnerns. Noch viel wichtiger erscheint mir die Möglichkeit für Lehrer, mit ihren Schulklassen an Steinsetzungen anwesend zu sein. So kann die unrühmliche Politik der Schweiz während des Holocausts anhand individueller Schicksale mit Namen und Gesichtern unterrichtet und Erinnerungsarbeit für die Zukunft geleistet werden.»

Dass es sich nicht nur um historische Ereignisse handelt, zeigt das Engagement von Angehörigen der NS-Opfer. Zur erstmaligen Steinsetzung erklärten sich gleich bei allen vier Holocaust-Opfern Angehörige bereit, teilzunehmen. Bereits bei den Steinsetzungen in Konstanz waren solche anwesend und berichteten dem Publikum ihre Erlebnisse zu jener Zeit. Jede Steinsetzung soll also Anlass sein, über die Rolle der Schweiz während der Zeit des Nationalsozialismus nachzudenken.“

„Dass es rund 30 Jahre dauerte, bis auch in der Schweiz selbst eine Initiative entstand, Stolpersteine zu setzen, überrascht Demnig nicht: «In der Schweiz wird es Zeit, dass endlich einmal an ihre unrühmliche Rolle während des Zweiten Weltkriegs erinnert wird.“

„An den Steinsetzungen werden auch Angehörige der NS-Opfer anwesend sein. «Ich hatte leider keine persönliche Beziehung zu meiner Tante und meinem einzigen Cousin – ich kenne sie nur aus vielen traurigen Erzählungen meines Vaters. Nichtsdestotrotz wird die Stolpersteinsetzung ein sehr emotionaler Moment für mich sein,» sagt Denise Schmid-Bernheim, die Nichte von Lea Berr-Bernheim, auf Anfrage von tachles. Darüber, dass endlich in der Schweiz Stolpersteine gesetzt werden, zeigt sie sich erleichtert: «Es ist sehr gut, dass dies zustande kommt. Die Rolle der Schweiz im Holocaust und ihre Politik gegenüber einem Teil ihrer Bürger muss gelehrt werden», so Schmid-Bernheim.